Wie die Lichtenberg-Gesamtschule ihre Schüler:innen mit "Aula" in die Verantwortung brachte

1. Hintergrund: Zwischen Symbolik und Stillstand

Remscheid, ein früherer Industriestandort im Bergischen Land. Zwischen Waschbeton und Wiesen liegt die Lichtenberg-Gesamtschule, ein unscheinbarer, großer Schulkomplex mit knapp 1.000 Schüler:innen. Das Leitbild der Schule ist ambitioniert: „Selbstverantwortung. Teilhabe. Zukunft.“ Doch wer genauer hinschaute, merkte: Zwischen Anspruch und Alltag lagen Welten.

„Wir haben jahrzehntelang eine symbolische Mitbestimmung gelebt“, sagt Claudia Neumann, die Schulleiterin. „Klassensprecher:innen wurden gewählt, es gab SV-Sitzungen, manchmal sogar Schüler:innen-Umfragen. Aber echte, bindende Entscheidungen wurden kaum getroffen.“

Viele Schüler:innen hatten das Gefühl, dass ihre Meinung gehört, aber nicht ernst genommen wird. Beteiligung war ein pädagogisches Ritual, kein echter Gestaltungsraum. Ideen versickerten in Gremien, Anträge verschwanden in Schubladen. Es herrschte das, was Marina Weisband als „Demokratiesimulation“ bezeichnet.

Als Neumann im Sommer 2023 auf die Beteiligungsplattform „Aula“ stieß, war sie sofort elektrisiert: „Es war genau das, was wir brauchten: ein Tool, das Prozesse strukturiert, transparent macht – und dabei die Schüler:innen wirklich ernst nimmt.“


2. Zielsetzung: Demokratische Kultur statt Alibi-Mitbestimmung

Das Kollegium stellte sich eine große Frage: Wie schaffen wir es, Beteiligung nicht nur zu ermöglichen, sondern sie zur Selbstverständlichkeit zu machen? Die Antwort lautete: mit digitaler Unterstützung, klaren Spielregeln und dem Mut, Entscheidungsmacht abzugeben.

Mit Aula, der Plattform für digitale Mitbestimmung, entwickelten Marina Weisband und ihr Team eine technische und didaktische Lösung, die Mitgestaltung auf Augenhöhe ermöglicht: Schüler:innen können Vorschläge einreichen, diskutieren, modifizieren und darüber abstimmen. Was die Mehrheit beschließt und innerhalb des gemeinsam definierten „Verantwortungsbereichs der Schüler:innen“ liegt, wird umgesetzt.


3. Umsetzung: Aula als Schulversuch mit System

Im Januar 2024 wurde die Lichtenberg-Gesamtschule Aula-Schule. Zwei Projekttage zur Einführung fanden für die Jahrgänge 7 bis Q2 statt. Schüler:innen lernten:

Begleitet wurde die Einführung durch zwei Schulsozialarbeiter:innen und eine eigens gebildete „Aula-Crew“ – ein Team aus Schüler:innen, Lehrkräften und einer außerschulischen Coachin für demokratische Bildung.

„Es war von Anfang an klar: Aula ist kein weiteres Tool, sondern ein Kulturwandel", sagt Lehrerin Jana Drees. "Und der braucht Ressourcen, Begleitung und Mut.“